Der Nachwuchs im Handwerk wächst wieder: Im baden-württembergischen Handwerk stieg die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge zuletzt um 3 Prozent auf 17.342. Für Handwerksbetriebe, die seit Jahren über unbesetzte Ausbildungsplätze klagen, ist das eine seltene gute Nachricht. Peter Haas, Hauptgeschäftsführer des Verbands HANDWERK BW, hat in Presseantworten eingeordnet, woher der Trend kommt und was Betriebe daraus für ihre eigene Nachwuchsgewinnung ableiten können.
Woher das Plus an Auszubildenden wirklich kommt
Der Zuwachs verteilt sich laut Haas nicht gleichmäßig: Besonders stark legt das Bauhaupt- und Ausbaugewerbe zu, während Metall- und Kfz-Berufe zuletzt leicht rückläufig waren, hier wirkt sich die schwierige wirtschaftliche Lage der Branche aus. Betriebe aus gefragten Gewerken sollten diesen Rückenwind aktiv nutzen, statt sich auf den allgemeinen Trend zu verlassen.
Als Treiber sieht Haas vor allem ein neues Selbstbewusstsein der Branche: Junge Menschen erleben im Handwerk Berufe, in denen sie sichtbar Verantwortung übernehmen, etwa bei der Energiewende, im nachhaltigen Bauen oder in der modernen Mobilität. Für Betriebe heißt das konkret: Wer im Recruiting zeigt, welchen Beitrag die eigenen Fachkräfte leisten, trifft genau diesen Nerv.
Ausbildung ist für viele Jugendliche wieder Plan A statt Plan B
Die jahrelange Debatte um Akademisierung hinterlässt nach Einschätzung von Haas Spuren, aber nicht in Form einer Abkehr vom Studium, sondern als wachsendes Bewusstsein dafür, dass eine Ausbildung kein Endpunkt ist. Meister, Führungsverantwortung, Selbstständigkeit oder die Übernahme eines Betriebs sind reale Karrierewege, die auf die Lehre folgen können.
„In vielen Köpfen gilt nach wie vor: Wer gute Noten hat, studiert. Diese Logik ist überholt“, sagt Haas.
Für die Nachwuchsgewinnung folgt daraus ein klarer Auftrag: Betriebe, die im Vorstellungsgespräch und im Bewerbermarketing den kompletten Karriereweg zeigen, von der Fachkraft über die Meisterprüfung bis zur eigenen Unternehmensnachfolge, punkten bei Eltern und Jugendlichen gleichermaßen.
Sichtbarkeit schlägt Stellenanzeige
Für Haas hängt die Lücke eng mit der Berufsorientierung zusammen: Viele Jugendliche kennen fünf oder zehn klassische Handwerksberufe, tatsächlich gibt es aber mehr als 130 Ausbildungsberufe mit sehr unterschiedlichen Tätigkeiten. Dazu kommt ein Passungsproblem zwischen Wunschberuf, Wohnort und dem konkreten Angebot vor Ort.
Für Betriebe bedeutet das: Eine gute Stellenanzeige allein reicht nicht. Wirksamer sind Werkstatttage, Praktika und Betriebsbesuche, bei denen Jugendliche einen Beruf tatsächlich erleben. Ein Nachmittag auf der Baustelle oder in der Werkstatt vermittelt nach Erfahrung von Haas mehr als jede Berufsinformationsbroschüre.
Schulkontakte als Wettbewerbsvorteil nutzen
Berufsorientierung beginnt an vielen Schulen zu spät und beschränkt sich auf Informationsmaterial, kritisiert Haas. Das gelte ausdrücklich auch für Gymnasien, wo handwerkliche Ausbildung oft erst dann zum Thema wird, wenn ein Studium nicht funktioniert. Betriebe, die darauf warten, dass Schulen von sich aus aktiv werden, verschenken Zeit.
Wer stattdessen selbst Kontakt zu Schulen aller Schularten sucht, feste Praktikumsplätze anbietet und Auszubildende als Ansprechpartner in Klassen schickt, positioniert sich früh als Karriereoption und nicht erst als Ausweichlösung.
Azubis binden: Warum die ersten Monate entscheiden
Ob ein Ausbildungsvertrag unterschrieben wird, ist die eine Frage. Ob die Ausbildung erfolgreich zu Ende geführt wird, entscheidet sich laut Haas im betrieblichen Alltag: durch klare Ansprechpartner, regelmäßiges Feedback und das Gefühl, dass die eigene Arbeit zählt.
„Junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen und eigene Fortschritte sehen“, so Haas.
Dazu gehört für ihn auch eine moderne Arbeitsumgebung: Digitalisierung und KI sind über Planung, Aufmaß, Diagnostik und Organisation längst im Handwerk angekommen. Betriebe, die diese Werkzeuge selbstverständlich einsetzen, statt sie zu meiden, signalisieren Auszubildenden ein zukunftsfähiges Arbeitsumfeld, ohne dass handwerkliches Können dadurch an Bedeutung verliert. Grundlage bleibt dabei das duale Ausbildungssystem, in dem Betrieb und Berufsschule gemeinsam ausbilden.
Politische Weichenstellungen im Blick behalten
Ob aus dem aktuellen Plus eine dauerhafte Entwicklung wird, hängt für Haas auch von politischen Entscheidungen ab, die Betriebe verfolgen sollten: verbindliche Modernisierungspakte für die Bildungszentren des Handwerks, eine zügig und verbindlich umgesetzte Erhöhung der Meisterprämie in Baden-Württemberg auf 3.000 Euro als Signal für die Gleichwertigkeit beruflicher Bildung sowie eine klar zugesagte Förderung der Unterbringung beim Blockunterricht, damit die Entfernung zur Berufsschule kein Hindernis wird. Wo Betriebe sich in Innungen und Verbänden engagieren, können sie hier direkt mitwirken.
Zur Einordnung
Die Einschätzungen in diesem Beitrag stammen von Peter Haas, Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags e. V. (HANDWERK BW). Wer die formalen und organisatorischen Grundlagen der Ausbildung im eigenen Betrieb strukturieren möchte, findet vertiefende Praxishinweise im Beitrag Ausbildung im Handwerksbetrieb: Vom Ausbildungsplatz zur dauerhaften Fachkraft.
Häufige Fragen
Warum steigt die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk?
Vor allem, weil das Handwerk jungen Menschen sichtbare Verantwortung, Zukunftsthemen wie Energiewende und Digitalisierung sowie klare Karrierewege über den Gesellenbrief hinaus bietet. Der Zuwachs fällt je nach Gewerk unterschiedlich stark aus.
Wie können Betriebe im Wettbewerb um Auszubildende sichtbarer werden?
Durch direkten Kontakt zu Schulen, Praktika, Werkstatttage und Betriebsbesuche, die einen Beruf erlebbar machen. Das wirkt nachweislich stärker als reine Stellenanzeigen.
Was hilft, damit Auszubildende die Lehre nicht abbrechen?
Klare Ansprechpartner, regelmäßiges Feedback, echte Verantwortung im Arbeitsalltag und eine moderne, digital ausgestattete Arbeitsumgebung erhöhen die Bindung deutlich.
Welche politischen Themen sind für die Ausbildung im Handwerk aktuell relevant?
Dazu zählen die Finanzierung der überbetrieblichen Bildungszentren, die angekündigte Erhöhung der Meisterprämie in Baden-Württemberg auf 3.000 Euro sowie eine verlässliche Förderung der Unterbringung beim Blockunterricht.









