Öffnet in einem neuen Tab

Straßenbau 2.0: Warum Digitalisierung für kleine Handwerksbetriebe eine Chance ist, kein Problem

Kleine Betriebe haben selten eine eigene IT-Abteilung, die sich um Prozesse und Software kümmert. Trotzdem sieht Marcel Franz, Inhaber von Marcel Franz Straßen- und Erdbau in Jülich, darin vor allem eine Chance und keine Hürde. Im Interview erklärt er, wie sich das Berufsbild im Straßen- und Erdbau verändert, welche Fehler bei der Systemeinführung teuer werden und warum kurze Entscheidungswege für kleine Betriebe ein Vorteil sind.

Vom Papierausdruck zum Tablet auf der Baustelle

Wer den Arbeitsalltag im Straßen- und Erdbau von heute mit dem von vor einigen Jahren vergleicht, merkt laut Franz vor allem eines: Digitale Technik ist nicht mehr großen Unternehmen vorbehalten. GPS-Vermessung und professionelle Software sind inzwischen auch für kleinere Betriebe bezahlbar und praktikabel. Man müsse dafür weder studiert haben noch IT-Spezialist sein, entscheidend sei die Bereitschaft, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen und sich einzuarbeiten. Dadurch könnten auch kleinere Unternehmen genauer, schneller und professioneller arbeiten.

Konkret sieht das bei Franz so aus: Jede Kolonne ist mit einem Tablet ausgestattet, auf dem sich Pläne deutlich besser lesen lassen als auf einem Ausdruck im DIN-A4-Format. Mitarbeiter können Bereiche vergrößern, aktuelle Planstände direkt von der Baustelle abrufen und bei Unklarheiten sofort eine Anfrage stellen, während das Büro die Kolonnen kurzfristig mit neuen Plänen, Lieferscheinen und weiteren Unterlagen versorgt. Auch die GPS-Vermessung bringt einen praktischen Vorteil: Liegen die Koordinaten vor, lassen sich alte Leitungstrassen direkt auffinden, neue Trassen bereits am offenen Graben einmessen und dokumentieren, ganz ohne Wartezeit auf einen externen Vermesser. Das spart Zeit und sorgt für genauere Bestandsdaten.

Trotzdem bleibt für Franz die klassische Arbeitsweise wichtig. Digitale Technik könne die Erfahrung eines guten Straßen- oder Tiefbauers nicht ersetzen, gerade beim Beurteilen der örtlichen Gegebenheiten, des Bodens oder bestehender Leitungsverläufe brauche es weiterhin Fachwissen und einen geschulten Blick. Am besten funktioniere deshalb die Verbindung aus handwerklicher Erfahrung und digitalen Hilfsmitteln.

Organisation statt Baustelle: Wo die Digitalisierung noch stärker wirkt

Nach Einschätzung von Franz verändert die Digitalisierung sein Geschäft im Büro sogar noch stärker als draußen auf der Baustelle. Zahlreiche Programme lassen sich heute miteinander kombinieren und vereinfachen die Erstellung von Angeboten und Rechnungen, die Dokumentation sowie Kommunikation und Terminplanung. Auch künstliche Intelligenz könne inzwischen viele Aufgaben übernehmen oder zumindest vorbereiten, wenn sie richtig eingesetzt und auf die Anforderungen des jeweiligen Unternehmens abgestimmt werde. Dann sei sie kein Spielzeug, sondern ein wirklich starker Partner im Arbeitsalltag.

Für kleinere Betriebe ohne eigene Verwaltung oder große Büroabteilung sei das besonders wertvoll: Aufgaben ließen sich schneller erledigen, Informationen besser aufbereiten und Abläufe strukturieren, während Entscheidungen und Verantwortung weiterhin beim Unternehmer blieben. Zugleich sei Digitalisierung für kleinere Betriebe zunächst natürlich auch eine Herausforderung, weil man sich neben dem Tagesgeschäft selbst mit neuen Programmen und Arbeitsweisen beschäftigen müsse. Franz sieht darin trotzdem vor allem eine Chance: Auch kleine Unternehmen könnten sich heute weiterbilden und neue Lösungen kennenlernen, etwa über Plattformen wie LinkedIn, wo man sich mit anderen Unternehmern austauschen, externe Beratung erhalten oder einen Partner für die Einführung neuer Systeme finden könne. Entscheidend sei nicht die Größe des Unternehmens, sondern die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, gerade kleinere Betriebe könnten neue Lösungen wegen kürzerer Entscheidungswege oft sogar schneller umsetzen.

Wenn Systeme nicht miteinander sprechen

Ein Problem begegnet Franz im Alltag besonders häufig: Sind digitale Systeme nicht richtig aufeinander abgestimmt, etwa weil ein Mitarbeiter mit einem Programm und ein anderer mit einem völlig anderen System arbeitet, ohne dass ein vernünftiger Informationsaustausch stattfindet, werden Stundenzettel, Lieferscheine, Aufmaße oder Rechnungsdaten mehrfach bearbeitet. Im schlimmsten Fall werden dieselben Daten erneut übertragen und kontrolliert. Das kostet nicht nur Zeit, sondern erhöht auch die Fehlergefahr. Aus seiner Sicht ist deshalb nicht entscheidend, möglichst viele Programme einzusetzen, sondern eine gemeinsame Struktur, in der alle Mitarbeiter mit denselben Informationen arbeiten.

Woran erkennt man dann eine gute Lösung? Für Franz muss eine digitale Anwendung vor allem Zeit sparen und einfach zu bedienen sein. Ist aufwendige Schulung nötig, bevor Mitarbeiter damit arbeiten können, ist der Nutzen schnell wieder verloren, gerade auf der Baustelle müsse eine Anwendung verständlich und zuverlässig funktionieren. Er achtet darauf, ob ein Programm Abläufe tatsächlich vereinfacht, Arbeitsschritte reduziert und Fehler vermeidet. Zum Selbstzweck werde Digitalisierung dann, wenn ein System nur eingesetzt werde, weil es modern wirke, am Ende aber mehr Aufwand verursache als vorher. Die Technik müsse zum Unternehmen passen, nicht umgekehrt.

Neues Berufsbild, neue Wünsche für die Zukunft

Die zunehmende Digitalisierung verändert aus Sicht von Franz auch das Berufsbild im Straßen- und Erdbau. Früher zählten vor allem Anpacken, Durchhaltevermögen und der Umgang mit Schaufel und Spaten, das ist weiterhin wichtig, doch das Berufsbild hat sich deutlich erweitert. Mittlerweile werden bereits Gesellen und Auszubildende im Umgang mit digitalen Technologien geschult, Tablets, digitale Pläne, GPS-Systeme und zunehmend automatisierte Maschinen gehören immer stärker zum Arbeitsalltag. Offenheit für neue Technik, Lernbereitschaft und technisches Grundverständnis werden dadurch immer wichtiger, ohne dass das handwerkliche Können an Bedeutung verliert. Die besten Ergebnisse entstehen für Franz, wenn solides Handwerk und der sichere Umgang mit moderner Technik zusammenkommen.

Für die kommenden Jahre sieht Franz bei Kalkulationssoftware noch Potenzial, etwa wenn Preise, Stundensätze sowie Maschinen- und Materialkosten einmal vollständig hinterlegt sind und die Software ein Leistungsverzeichnis weitgehend selbstständig kalkuliert. Noch wichtiger wäre ihm allerdings eine zentrale, versorgerübergreifende Plattform für Leitungsdaten, auf der sich für einen geplanten Bauabschnitt alle verfügbaren Informationen zu Gas-, Wasser-, Strom- und Telekommunikationsleitungen gebündelt abrufen lassen, im Idealfall direkt als GPS-Koordinaten. Gerade bei älteren Leitungen seien vorhandene Pläne teils ungenau oder unvollständig, im schlimmsten Fall werde eine unbekannte Leitung erst entdeckt, wenn sie bereits beschädigt sei. Künstliche Intelligenz könnte laut Franz künftig helfen, vorhandene Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen und für die Baustelle nutzbar zu machen, ohne die fachliche Prüfung und Suchschachtung zu ersetzen.

Einordnung

Das Beispiel von Marcel Franz zeigt ein Muster, das für viele kleine Handwerksbetriebe gilt: Der größte Digitalisierungsgewinn entsteht nicht zwangsläufig auf der Baustelle, sondern im Büro, dort, wo Angebote, Rechnungen und Dokumentation ohne eigene Verwaltung gestemmt werden müssen. Und der größte Stolperstein ist selten fehlende Technik, sondern fehlende Abstimmung zwischen den eingesetzten Systemen. Wer neue Software einführt, sollte deshalb weniger fragen, was ein Programm zusätzlich kann, sondern ob es sich reibungslos in bestehende Abläufe einfügt.

Fazit

Digitalisierung ist für Marcel Franz kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, das Zeit sparen und Abläufe vereinfachen muss, ohne die handwerkliche Erfahrung zu ersetzen. Gerade kleine Betriebe können davon profitieren, wenn sie offen für neue Technik bleiben und konsequent auf Lösungen setzen, die zum eigenen Unternehmen passen statt umgekehrt.

FAQ

Lohnt sich GPS-Vermessung auch für kleine Betriebe?
Ja. Die Technik ist inzwischen auch für kleinere Unternehmen bezahlbar und praktikabel, entscheidend ist die Bereitschaft, sich einzuarbeiten.

Ersetzt digitale Technik die Erfahrung eines Straßenbauers?
Nein. Gerade beim Beurteilen von Boden und bestehenden Leitungsverläufen bleibt handwerkliches Fachwissen unverzichtbar.

Wo bringt die Digitalisierung kleinen Betrieben den größten Nutzen?
Häufig im organisatorischen Bereich, bei Angeboten, Rechnungen, Dokumentation und Terminplanung, mehr noch als direkt auf der Baustelle.

Was ist die größte Gefahr bei der Einführung neuer Software?
Wenn Systeme nicht miteinander kommunizieren, müssen Daten wie Stundenzettel oder Aufmaße mehrfach bearbeitet werden, das kostet Zeit und erhöht die Fehlergefahr.

Woran erkennt man eine gute digitale Lösung?
Sie spart Zeit, ist ohne aufwendige Schulung nutzbar und vereinfacht bestehende Abläufe, statt zusätzlichen Aufwand zu erzeugen.

Verändert die Digitalisierung das Berufsbild im Straßenbau?
Ja. Neben handwerklichem Können werden Offenheit für neue Technik, Lernbereitschaft und technisches Grundverständnis immer wichtiger.

Was wünscht sich Marcel Franz für die Zukunft?
Vor allem eine zentrale, versorgerübergreifende Plattform für Leitungsdaten, die Informationen zu Gas-, Wasser-, Strom- und Telekommunikationsleitungen bündelt.

Weiterlesen